Adiós, Floreano

Der Tag neigte sich dem Abend zu und drohte, einer jener Tage zu werden, an die man sich nie erinnern wird.

Dank des Schlüssels, den ich vor der Haustüre zu unserer Wohnsiedlung fand, wurde der Tag zu dem Tag, an dem ich Herrn Rodriguez zum letzten mal sah.

Herr Rodriguez ist eine der vier Parteien an unserer Adresse, er bewohnt die Wohnung im EG.

Ab und zu war ich bei Herrn Rodriguez in der Wohnung, um ihm bei der Einrichtung technischer Geräte behilflich zu sein. Telefon, Handy, so Zeugs.



«Kum, tringsch es Bierli mit mir», hat er dann gesagt und wir haben am Küchentisch gesessen. Herr Rodriguez machte das mit dem Bier eben schon richtig. Er liess es sich vom Getränkehandel liefern. Harrasse mit Halbliter-Flaschen Feldschösschen. Keine Penner-Büchsen.

Das erste Mal, als ich bei ihm am Küchentisch gesessen habe, hat er mir aus seinen Leben erzählt und ich hab zugehört so gut ich konnte. Mit dem Akzent, den er immer noch hatte, war das nicht immer einfach.

Er war Fahrer für Otto Fischer, einem Grosshändler für Elektronik in Zürich. Er fuhr jeweils nachts quer durch die Schweiz seine Lieferungen aus. Morgens, wenn er nach Hause kam, trank er sein Feierabendbier. Danach legte er sich schlafen und stand mittags wieder auf.

Mittags bis abends ging er mit Frau Kunz in den gemeinsamen Schrebergarten.

Früher hatte man dort noch gemeinsam Feste gefeiert, heute sei jeder für sich, resümiert Herr Rodriguez Schulter zuckend.

Abends ging Herr Rodriguez dann wieder arbeiten, fuhr seinen Lastwagen voller Teile von Lausanne nach St. Moritz, von Schaffhausen nach Lugano.

Immer kehrte er morgens zurück zu Frau Kunz, trank sein Bier und rauchte Marlboro rot.

«Kum tringsch no eis, uf eine Bei kasch nid stah», motivierte er mich, eine zweite Flasche mit ihm zu trinken. Ein überzeugendes Argument, wir tranken eine zweite Flasche Bier.

Jetzt läutete ich seufzend bei ihm an der Türe. Ich leutete des Schlüssels wegen, um zu fragen, ob dieser ihm gehöre, ich seufze, weil ich heute keine Lust auf Konversation hatte.

Herr Rodriguez öffnet in kurzen Sporthosen und weissem Trägerleibchen, das seine Goldketten rahmt und den Bauch läuchten lässt.

Sein erster Satz: «Kummsche ine, tringsch es Bier.» Mein Widerstand, die notwendige Konversation zu führen schwindet. Herr Rodriguez weist mir einen Platz am Küchentisch zu.

Immer ist es die Küche, auch bei mir. Ich hatte mir voller gepflegter Absichten einen Wohnzimmertisch mit vier Stühlen gekauft. Für Gäste, Freunde, Sonntage, Gespräche. Trotzdem sitzen wir immer in der Küche.

Am Küchentisch von Herrn Rodriguez sitzt ein Freund von Herr Rodriguez. Gross, auch pensioniert, gestreiftes Poloshirt, schwerhörig. Traurig, aber ich weiss seinen Namen nicht mehr. Wass ich von ihm weiss ist, dass er dieses Segelschiff eigenhändig gebaut hat.



Beigebracht habe er sich alles selber und als er sah, dass die Strömung um den Bug nicht ideal war, hat er das Schiff zersägt und dort nochmal gebaut. Dann hat es gestimmt und der Bodensee bot dem Schiff so wenig Widerstand wie er nur konnte. Manchmal meinte man, der See schöbe das Schiff ein wenig, so schneidig schnitt es durchs Wasser.

Das Foto ist ein analoges Foto, dass sich der Schiffsbauer aus dem Portemonnaie gezogen hat und das Portemonnaie wurde aus der Gesässtasche gezogen. So hatte auch das Portemonnaie über die Zeit Bug und Heck geformt bekommen.

Herr Rodriguez und der Schiffsbauer verstehen sich blendend, obwohl der Akzent von Herrn Rodriguez sehr stark ist und sein Freund schwerhörig.

Beide erzählen aus ihrem Leben, wir trinken Bier, und ich staune, dass sich in einer so kleinen Küche so grosse Leben ausbreiten lassen.

Die Tage danach waren wie immer, dann kam der Mittwoch und mit ihm das Zürcher Tagblatt. Das lag da den ganzen Tag, bis man es reinnahm, ausser, man war in den Ferien. Herr Rodriguez macht keine Ferien, aber das Tagblatt lag da auch am Donnerstag noch immer. Auch Tage später lag es da noch immer.

Unweigerlich beginnt man zu ahnen, was sein könnte, hofft so ein bisschen, bis sich alle Anzeichen so verdichten, dass die Wahrheit klar und deutlich vor einem hängt, wie die Bilder in Museen an ihren weissen Wänden. Man muss sie ansehen, auch wenn sie nicht gut wären. Da ist ja sonst nichts.

Eines Abends läutet es an meiner Wohnungstüre, es ist Frau Marty, unsere Nachbarin aus Stock 1.

«Ich weiss jetzt wo Herr Rodriguez ist», eröffnet Frau Marty und schliesst nach meinem fragenden Blick mit «hinter dem Krematiorium links».

Also doch. Herr Rodriguez ist tot. Dass er gesundheitliche Probleme hatte, wussten wir. Ein alter Büezer eben, ein chrampfender Immigrant. Klein, zäh, Bier und Marlboro rot. «Es mues», hat er immer gesagt als ich ihn fragte wie es denn ginge und Hilfe immer dankend abgelehnt.
Ich frage Frau Marty, wie Floreano Vorname war. «Floreano», antworte sie und tritt ab.

Beigesetzt wurde er, so erzählt mir Frau Marty, neben seiner langjährigen Lebenspartnerin, Frau Kunz, die auch er, Herr Rodriguez immer Frau Kunz genannt hat, wenn er von ihr erzählt hat.

Neulich stand ich am Balkon und sehe Lieferwagen und Männer, die Herrn Rodriguez Wohnung räumen und dass das mit mir vielleicht auch mal so geht wie Floreano Rodriguez.