FRÜHLING IN DER PSYCHI 😬️


Wir standen im Regen am Fusse einer Allee, gaben uns einen Kuss und machten Schluss. Als ich den Regen nicht mehr spürte, da er aufgehört hatte, stand ich noch immer am Fusse der Allee aber die Welt stand Kopf. Da mir das Herz bis zum Hals schlug verschluckte ich mich, hustete, und trank zur Beruhigung einen Schluck Wasser. Der See schmeckte nacht Winter. Aber vielleicht war das auch die Kälte in mir.

Weil um mich herum lagen sie in Badehosen und Bikinis. Ich schaue lieber auf Bikinis als auf Badehosen. Die Ohrfeige kam unvermittelt, wie die Pause in schlechten Kinos. Also holte ich mir ein Glacé. Meistens mache ich das nicht, weil mir die Pausen dafür zu kurz sind. Das Glacé war ausgesprochen kühl und kremig. Vielleicht hat die Kioskfrau daneben und in ihren Sonnenkremvorrat gegriffen. Verbrenn’ ich mir den Mund nicht, auch gut.

Zuhause fiel mir ein, dass ich mein Velo in der Allee vergessen hatte. Das muss komisch ausgesehen haben – Ich wie auf dem Velo, aber ohne Velo, da ich das Velo vergessen hatte, aber vergessen hatte, dass ich das Velo vergessen hatte. Schon am nächsten Tag aber war dieses Verhalten voll der Trend und somit mein Velo wertlos. Das hat den Vorteil, dass ich es nicht holen gehen muss, aber den Nachteil, dass ich nun überschüssige Zeit habe. Das diesbezügliche Inserat auf ricardo.ch «1h überschüssige Zeit, abzuholen beim Verkäufer, Startgebot CHF 5.-» verlief erfolglos. Also behielt ich meine überschüssige Zeit, für wenn ich einmal im Stress bin.

Die Mode mit den Velos ohne Velofahren hält sich noch immer. Sie nennen den Apparat E-Bike. «E» weil mit diesen Bikes alles zur Ebene wird. Ich flach mich tot. Aber es ist Montag und die Woche lauert im Gebüsch. Ich mache meine Gedanken stadtfein und betrete ein öffentliches Verkehrsmittel mit Rädern dran. Die kommen einfach besser voran als die ohne Räder. Die ohne sind billiger, aber zu spät kommen kann teuer zu stehen kommen. Sitzungen den ganzen Tag. Habe voll den Protokoller. Dass auch dieses Mal kein Abenteuer vor der Tür wartete erkannte ich, als ein Opel die Strasse entlang fuhr. Es war das Modell «Rekord» und auf der Heckscheibe klebte ein Kleber der Firma ‘Guinness’. Was für Welten.

Mein Blick folgte dem Guinness-Rekord bis zu einem der Horizonte wo ich glaubte, dass er von einem E-Bike überholt wurde. Was für Zeiten. Mein Handy klingelte nicht, also war es kein Traum. Da ich heute mal früher fertig bin, beginne ich, den See zu vermessen. Denn ich habe mich schon immer gefragt, wo der See anfängt und also auch aufhört. Die Wellen schlagen ständig ans Ufer und verunmöglichen eine verlässliche Messung. Eine Lösung könnte sein, zu warten bis der See gefriert. Und dann wieder und wieder und wieder und dann davon den Durchschnitt berechnen.

Aber auch dann weiss man es nur so ungefähr, weil die gefrorenen Seen sind ja wie Wellenstandstandbilder. Ein Generationenprojekt, das ins uferlose führt, ein Randensalat der nur Flecken macht. Ich bin nun den dritten Monat in der psychiatrischen Klinik. Die Arbeit gefällt mir sehr gut. Nur weiss ich auch hier nicht so genau, wo die Patienten anfangen und die Arbeiter aufhören. Liegt wahrscheinlich am Schichtbetrieb. Im Zweifel fragt man den Doktor oder bleibt zu hause. Kritisch wird’s erst, wenn der Doktor zu hause bleibt. Dann stellen wir einfach Personal und Patienten in eine Reihe und zählen ab.

Bis wir gemerkt haben, dass das die Idee eines Patienten war, war auch schon alles zu spät. Als es noch später war, assen wir ein spätes Frühstück, das von allen als sehr teambildend empfunden wurde. Nur einer war mit den Nerven total am Ende. Wer das war, weiss ich nicht mehr. Ich kann mir Namen nervöser Menschen schlecht merken. In der Zeitung stand, dass ich der Nervöse gewesen sei und mich deshalb mit einem aus den Hüften geschossenen «bitte entschuldigen sie mich, aber ich muss noch den See vermessen» verabschiedete. Darauf hin hat mich der Doktor ins andere Team eingeteilt, worauf ich mit der Idee des Abzählens konterte.

Jetzt sind wir quitt und verbringen die Wochenenden mit Bier und Probezusendungen der Pharmafirmen.