Der 11 Meter hat keine 11 Meter, sondern 10,97 Meter. Im FIFA-Regelwerk steht, das müssen 12 Yards sein, darum. Die Flugzeit des Balles zum Torwart beträgt im Schnitt 0,4 Sekungen. Das reicht bei einem platzierten Schuss nicht, den Ball aufgrund einer durch eine auf den Schuss reagiernde Handlung zu parieren.

Ich bin mir sicher, Leo weiss das. Leo lernte laufen, nur um Fussball spielen zu können. Seinetwegen hab’ ich unzählige Sonntanachmittage uner Secondos verbracht. Ich trank meist Bier und ab und an gönnte man sich ein Panino. Leo trank auch Bier aber riss sich öfters zusammen und bestellte ein Chinotto.

Diego und ich waren die einzigen Nichtfussballer in der Runde. Dementsprechend hielt ich mich mit Kommentaren zu Schiedsrichterentscheiden, der Formation, Aufstellung, dem Saisonverlauf, Trainerwechsel und was eine richtige Pizza ist oder nicht zurück.

Was wirklich unglaublich ist, man kann sich zurücknehmen wie man will, fällt ein Tor, sind wir ein Vulkan. Fällt ein Tor gegen uns, stehen wir alle gefühlt Montag morgens um 05 Uhr 10 auf, um bei Regen an den Bahnhof zu laufen, wissend, wir müssen eine Algebraprüfung ablegen oder die Wände Streichen, die wir Freitag hätten streichen sollen.

Leo war immer für Juve. Ich hatte nie so Fussball geguckt. Vielleicht, weil ich nie in einem Fussballklub war. Das änderte mit den Sonntagnachmittagen.

Damals konnte man nicht einfach streamen und nur die Rich Kids am Hügel oben hatten Pay-TV. Drum sassen wir im Circolo, den Italo-Klubs. Die hatten immer irgendwie durch einen Cousin und zwei Lötkolben Anschluss an die Fussbal-Welt.

Die Töfflis hatten wir hinter uns aber Autos hatten wir noch keine. Unsere Papas hatten Autos und meist sassen wir im Auto von Leos Papa, Saverio. Wir wissen jetzt, dass fünf erwachsene, nein, ausgewachsene Jungs in einen Fiat Regata S85 passen. Leos Vater war an jeder Ecke dieses Autos zu finden – als Rostschutz, als Ausbeulung oder Holzkettensitzbezug. Nach dem Regata kam ein Marea, der war fast schon langweilig luxuriös.

Leo muss eine Kanone gewesen sein als Fussballer. Ich habe ihn erst später im Gymnasium kennen gelernt, ebenso Diego, aber aus den eingeschobenen Bemerkungen rund aus seinem Umfeld muss es wohl so gewesen sein.

Wenn ich es richtig verstanden habe, war Leo der Taktiker im Mittelfeld. Ein Pirlchenko, sowas. Eines aber weiss ich bestimmt – Kopfbälle waren nie sein Ding.

Leos Mutter ist Deutsche, Leos Vater Italiener und so ist auch Leo – grundsätzlich cool, ausser es liegt Fussball oder Heavy Metal in der Luft. Und immer schon ist Leo Fan von Juventus Turin.

Mein schönstes und schlimmstes Fan-Erlebnis mit Juve habe ich beide in Florenz erlebt. Ich glaube es war der erste Abend in meiner florentiner Gastfamilie. Wir beginnen über Fussball zu reden und auch nur als Halbitaliener weiss ich – in Florenz nie Juve erwähnen. Es ergab sich, dass die Gastfamilie Juve-Fans war. Wir fuhren mit dem alten Kistenpanda durch unzählige Gassen zu einem Freund der Familie, das Sonntag-Abend-Spiel Juve-Milan oder Milan-Juve gucken. Eine grosse Ehre. Normalerweise ändert man Konstellationen wer wo mit wem guckt nicht einfach so, will man das Gefüge des Universums zu Ungunsten der eigenen Mannschaft nicht ändern. Juve gewann 5-1. Ich war halb adoptiert.

Noch immer unter Schmerzen sehen ich allerdings den Ball über Peruzzi fliegen, in diesem zerstörenden Champions League-Finale, das die Borussen 3-1 gewannen. Der Heimwag war ein Kreuzgang, die ganze Stadt Florenz hupte und gröhlte, als wäre Italien Weltmeister geworden.

Wir hatten damals keine Handys, aber was meine Fussballfreunde Leo und Diego zuhause fühlten, konnte ich ahnen, und am allerhärtesten muss es Leo getroffen haben.

Leos Fussballkariere hob nie ab. Warum, habe ich nie ganz erfahren. Wohl das Knie. Irgendwann war mal was und dann war es das.

Das alles war vor zirka 20 Jahren. Und nein, Diego, Leo und ich haben uns nicht aus den Augen verloren.

Leo spielt noch immer Fussball, aktuell für die Senioren seines Geburts- und Wohnortes vom FC Rapperswil-Jona.

Hier sehen wir Leo bei einem entscheidenden Elfmeter in Genf gegen Collex-Bossy. Nicht zuletzt dank dieses Elfmeters zieht der FCRJ in den Cup-Halbfinal ein.


Der Elfmeter


Szenen wie diese gehörten eigentlich auf die Yoyager Golden Record, die seit Jahren durchs All gleitet, mit der Idee, allfälligen unbekannten Lebensformen von unserer Welt zu erzählen.

Ein Elfmeter ist jedesmal ein Urknall, der ein neues Universum gebiert und dieses ist ein weiteres Bläschen im grossen Gin-Tonic, der das Universum ist.

Jeder Elfmeter trägt alle Möglichkeiten in sich, ist weisses Papier, ein Frischling, der erste Blick mit der zukünftigen Frau, die Möglichkeit und Abscheulichkeit des Scheiterns liegt in der Luft.

Es wird sein und es wird weitergehen. Aber wie, entscheidet dein Schuss. Niemand hilft dir, kein Ausreden, das Ding muss da rein.