MÜLLERS BÜRO


Ein Titel, wie er einfacher und beliebiger nicht sein könnte. Und doch. Wer wie ich auch nur den leisesten hauch Österreichischer Kultur unseres zum Witzeopfer degradierten Nachbarlands mitbekommen hat, der weiss sofort: Müllers Büro kann nur ein Film aus Österreich sein. Müllers Büro ist ein einfacher Titel. Man liest ihn, und dann ist fertig. Man liest Büro auf Punkt.

Ein Titel, hätte ich ihn vorgeschlagen, er wäre mir um die Ohren gehauen worden. Nicht, weil der Titel schlecht wäre, sondern aus Angst, der Film ist es. Filme, die gut sind brauchen nur den Held oder den Ort im Titel. Der Pate. Fight Club. Die Vögel. Sieben. Alien. Fertig.

Alles andere ist Gezwänge, Zielgruppenanbiederung, Da scheren sich die Österreicher nicht. Denn alles endet, nur der Kampf zählt. Er macht dich gross, wie klein du auch bist. Kottan, Falco, Thomas Muster. Und Mundl – denn ein echter Wiener geht nicht unter. Du fährst in ein anderes Land, so wie wir letztes Wochenende in eben dieses Österreich, und fragst dich, was denn eigentlich anders ist. Also so genau, in Wirklichkeit. Strassenschilder, Nahrung, Ladenöffnungszeiten – das kann es ja nicht sein, was ein Land ausmacht. Und ausgerechnet in unserem nächsten und ähnlichsten Nachbarland stellte sich mir diese frage immer wieder. Als ich durch von Traktorreifen zerfurchte Wege watete, den selben weissen aber doch nicht gleich Kühlschrank öffnete und Konversation mit den selben Sätzen, aber durch den Kontext veränderten Sinn machte. Denn es ist anders.

Ob am Waldrand schlendernd oder im vollen Geburtstagsfestsaal sitzend, es ist als wirbelte man ein festes Gefüge von Aura und Äther durcheinander, als richteten sich prüfende Blicke der Ahnen und Bäume auf die Neulinge, die das Raum-Zeit-Gefüge vor Ort mit Macheten zu durchdringen versuchten. Das Tourismusbüro hätte uns sicher abgeraten um diese Jahreszeit nach Österreich zu fahren. Vor allem in die Steiermark, dessen Logo ein grünes Herz ist und mit dem Spruch «Das grüne Herz Österreichs» verziert wird. Selten hat das Logo einer Tourismusregion so Sinn gemacht. So viel Wald, so viel Herzlichkeit. Eine Einfachheit, die sich nicht durch schlichtes Design manifestiert, sondern durch das nicht vorhanden Sein von Design, ja sogar des nicht vorhanden Sein des Wunsches nach Design. Das Leben macht das Design. Die Nutzung macht die Form. Eine Einfachheit, die sich mir auch im Umgang der Bevölkerung mit ihren Kindern zeigt. Weitab von der Zürcher Hysterie um Erziehung und Krippenplätze, Impfungen und egoimplizierten Grundsatz- und Zeitpunktdiskussionen. Man hat einfach Kinder. Weil es so ist, weil es schön ist. Sie essen, was man auch isst, sie fallen um, schreien, stehen auf und wachsen gerade. Des passt scho.

Ein weiterer Onkel sitzt mir schräg vis-à-vis. Ich komme nicht dazu mit ihm zu reden. Zu viele Leute in zu kurzer Zeit. Als ich ein Baby meiner Cousine in den Händen halte sieht er mich an und sagt: «Das ist das wichtigste, was ein Mann machen kann.» Es ist Zwischensaison. Die sanften Hügel sind nicht mehr romantisch verschneit, die Felder ruhen noch. Schwarze Bäume halten braune Böden und den grauen Himmel zusammen. Es ist die wohl ruhigste Zeit des Jahres. Kein Surren und Flirren, kein Mähen und Muhen. Ohne Ablenkung ist man mehr als bei Sinnen. Übersinnlich. Und ich glaube zu sehen, dass es eine gewisse Morbidität ist, die über Österreich schwebt. Aber nein, sie sind nicht krank.

Ein Saal voller alter und junger Menschen und kaum einer hinkt, klagt, trägt eine Brille oder stirbt jung. Sie kranken nicht an der Gesundheit, sie kranken am Kranken. Sie machen kein Gschiss. Zum Mittag gab es Mixed grill und zur Jausn kalten Braten mit Kren. Ich habe von allem alles gegessen. Bier und Schnaps passten selten so gut. Beim Abschied habe ich mir die zerfurchten Hände meines Onkels angesehen und in seine klaren Augen geblickt. Hände wie ein Baum, Augen wie ein Kind. So müssen die Götter sich das gedacht haben.

Oder wie Falco in «Junge Römer» gesagt hat: lass diese reise niemals enden / das tun kommt aus dem sein allein / allein aus dimensionen, die / illusionen und sensationen lohnen / give me more.