RÄNDER




Würden wir in der Wüste geboren und ein Leben lang in ihr leben, wir würden glauben, die Welt bestünde aus nichts als ebendieser Wüste. Eine Generation wird aber den Menschen hervorbringen, der sich fragen wird: Wenn es diese Wüste gibt, gibt es dann noch eine andere Wüste mit anderen Menschen? Oder etwas anderes, als eine Wüste? Hat meine Wüste einen Rand und hört sie danach einfach auf? Und wenn nicht, was kommt nach diesem Rand? Bin ich vielleicht die Antwort eines anderen Menschen in einer anderen Wüste auf die Frage: Gibt es noch eine andere Wüste? Und er wird erkennen, dass er die Existenz einer anderen Wüste nur ausschliessen kann, wenn er sich an das Ende seiner eigenen Wüste begibt.

Und so wird er seine Wüste durchwandern, bis er eines Tages am Rande seiner Wüste angekommen wäre. Dem Rand seiner Welt. Dem Rand, der gleichzeitig den Neuanfang einer neuen Welt bedeutet. Dem Rand, der Welten trennt und Welten vereint. Dem Rand, der seinen Horizont erweitert und die Wichtigkeit seiner eigenen Existenz verkleinert. Ränder trennen Welten. Ränder vereinen Welten. Ohne Ränder wäre alles eins. Alles wäre Wüste, die Stadt würde nie beginnen. Die Strassen hätten keine Richtung, die Häuser keine Mauern, die Menschen keine Körper. Körper, die unser Äusseres definieren. Körper, mit denen wir uns in der Welt bewegen, mit denen wir mit der Welt kommunizieren, mit denen wir die Welt wahrnemen und aufgrund derer wir selbst von der Welt wahrgenommen werden.

Körper, aufgrund derer wir definiert werden und uns selber definieren. Meinen Körper gibt es nur einmal und er gehört mir. Er ist meine Privatresidenz, mein Intimbereich, meine Welt, mein physischer Rand ohne den ich nicht wäre. Deshalb schütze ich ihn. Mit einer Kappe vor der Kälte. Mit Socken vor den Schuhen. Mit Hosen und Unterhosen vor fremden Blicken und der eigenen Scham. So sind wir sicher, mein Körper und ich.

Anerzogen angezogen können wir uns in der Gesellschaft bewegen. Für jede Gesellschaft und jede Gelegenheit stehen mir dafür Kleider zur Verfügung. Das kleine Schwarze für den Abend. Der Bikini für den See. Die Jeans für jeden Tag. Frei von den Kleidern bin ich erst am Rande des Tages: am Abend. Ich komme nach hause und streife mir die Kleider ab, und bin in meinem letzten einzigen Rand: meinem Körper. Doch mein Körper ist verändert. Er trägt die Spuren des Tages, des Grenzübertritts von der Intimität und meiner eigenen Welt in die Gesellschaft und zurück. Kleider haben sich in meine Haut geschnitten. Unmenschliche Male meiner zweiten Haut. Stigmata einer Enge. Spuren von Druck. Verwüstung von Haut. Und ich frage mich: Ist es die Verwüstung eines anderen Menschen?