medicoJOURNAL, Ausgabe Insel

Volva – Abschied von der Insel Ich





Viele glauben ihr Leben lang, sie lebten nicht auf einer Insel und lachen über die, die sagen, dass sie auf einer Insel leben, unwissend, dass sie, die es zugeben, frei sind und sie, die glauben frei zu sein in etwas gefangen sind, das so gross ist, dass sie es nicht erkennen. So wie die Ameise die Autobahn nicht erkennt, weil sie so absurd, surreal und abstrakt ausserhalb des Denkbaren liegt; dieses, was sie gefangen hält, ist eine Insel auf der man sich als König wähnt und für sich alleine bewohnt, bis er oder sie – vor allem aber das Es – die Augen über das Herz öffnet oder vom Leben ein Ohrfeige bekommt und in ihrem Echo leise aber immer lauter der Name eben dieser Insel am Horizont auftaucht, dessen Licht entblindet und das Meer der Einsamkeit sichtbar macht, in welchem diese Insel steht, die Ego heisst. Dort leben heute viele von uns, alleine im Hyperindividualismus, wo sich jeder nur für sich selbst verantwortlich glaubt, abgenabelt von der Herkunft des Fleisches, des T-Shirts und dem grimmigen Blick des Nachbarn, noch immer im egozentrischen Weltbild verharrend über Kopernikusse lachend, die von der Möglichkeit erzählen, dass es vielleicht doch so sei, dass man mit anderen als Teil eines Systems von einer Leben spendende Energie lebt. Sich von diesem Individualismus abzunabeln und zugunsten einer verantwortungsvollen Gemeinschaft in eine neue Welt zu geben hiesse, wie damals den Schritt vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild zu machen, und zu verstehen, dass ich schon bin wie niemand, aber ohne alle anderen nichts und Teil eines Systems. Es gibt Möglichkeiten, die Insel Ego zu verlassen, wie es immer Möglichkeiten gibt. Denn «there is a crack in everything, that’s how the light gets in» wie Leonard Cohen sagt. Oder, wie wir hier sehen werden, über VOLVA, das Geschenk der Natur an Liberato Maraia und durch ihn an uns alle.


Liberato Maraia sah sich selbst als Schöpfer seiner Bilder und glaubte, die Natur habe sie zerstört, damals, als der nahe gelegene Bach sein Bett verliess und sich die Dias im Keller von Liberatos Haus anschaute, die er während seiner China-Reise 1989 gemacht hatte. Dem Bach schienen die Bilder zu gefallen. Immer mehr von ihm kam und so füllte sich der Keller bis unter die Decke mit Wasser und Schlamm.

Der Älbach, der die Bilder mitgestaltete.

Die Vernissage war ein voller Erfolg, und was zurückblieb sah aus wie das beste Open Air St. Gallen. Hier war Leben, denkt man leicht entsetzt und muss doch hinsehen. Hier jedenfalls, hier ist etwas passiert. Es beginnt ein Oszillieren zwischen angewidert sein und Faszination, beim Anblick dieses Schlamms und man fragt sich, ob unsere Lebensform tatsächlich aus so einer Sauerei herausgeflutscht sein soll. Eine Ursuppe, ein Urschlamm oder gar Urschleim sei es gewesen heisst es, eine unbekannte Mischung anorganischer Substanzen soll die Entstehung des Lebens erst möglich gemacht haben.

Die aus dem überfluteten Keller geretteten Dias.

Und da, in diesem Nullmoment aus Verzweiflung, Gedanken an Schadensformulare und philosophischen Fragezeichen macht Liberato etwas Wunderbares. Er entscheidet sich, das Ereignis urteilsfrei anzunehmen. Ein Ereignis, so still und entscheidend wie die Ruhe des sonst kreischenden Dschungels vor dem Vulkanausbruch. Und in diese Stille hinein schiebt sich der Bug eines Schiffes namens Tod.

Liberato flucht immer mal wieder, als er seine Dias aus dem Schlammloch befreit, aber es fühlt sich gut an. Die Dias lagert er vorübergehend draussen unter einer Veranda und überlässt sie den Elementen und der Zeit. Das Wasser hat die Arbeit begonnen, «vielleicht», denkt sich Liberato, «haben die anderen Elemente ja auch noch was dazu zu sagen».

Der Keller ist leer. Das Fundament kann Neues aufnehmen.

«Schiff, warum heisst du 'Tod'?» fragt Liberato. Das Schiff schweigt.

Strukturen in den vom Bach bearbeiteten Dias.

Testreihe im Swatch Art Peace Hotel, Schanghai.

Wie wirken die Bilder in neuen Rahmen?

Ruhig und seiden fliesst der Bach hinter dem Haus. Wieder lächelnd, wieder sich anschmiegend, wieder lieblich mit den Schatten der Birken spielend. Alles war wie immer, alles war in Ordnung. Wem mache ich etwas vor – es ist nie alles in Ordnung. Jetzt zum Beispiel ist es so, als wäre eine neue Hierarchie etabliert worden. Als werde man, obschon sich alle verhielten wie immer, beobachtet, als würden gärende Zweifel drohen, ein Gefäss zum Bersten zu bringen. Ob es noch andere Inseln gibt? Oh legt euch schlafen, ihr Nackenhaare.

Veena

Liberato spürt, dass etwas kommt. Darum beginnt er über das Geschehene nachzudenken. Wasser, Unordnung, Umordnung, Verformung, Bewegung, Gestaltung – Moment, Gestaltung? Das ist doch mein Teil, ich gestalte, ich sage wie es zu sein hat und ich sage, wann es fertig gestaltet ist. Das ist mein Werk, ich bin der Schöpfer.

Einem dem Gewitter vorauseilenden Donnergrollen gleich erhebt sich in Liberato eine Stimme die immer wieder «nein» sagt. Es ist, als hätte der Bach die Dinge umgekehrt und eine andere Sicht offenbart.

Etwas gerät ins Wanken. Oder werde ich verrückt? Einige Monate später war der Moment gekommen, die geretteten und gelagerten Dias auf der Veranda zu besuchen und zu sehen, ob die Kräfte der Natur weiter wirkten. «Ich war sprachlos», erinnert sich Liberato heute, «und vollkommen überwältigt ob all der Farben und Formen, die ich erblicken durfte. Es war, als hätte ich einen Einblick in eine Welt fern der uns bekannten erhalten. Als würde ich in ein organisches, fremdes Wesen schauen. Über ein Jahr lang habe ich danach die Diapositive nur betrachtet, einfach nur auf mich wirken lassen. Viele Künstler, ich gehöre wohl auch dazu, haben den durchdringenden Wunsch etwas zu erschaffen, Dinge in eine persönliche Form zu bringen. Ich begann mit den Bildern zu experimentieren. Doch jede Kerbe, die ich in die Kunst der Zeit schlug, war unbefriedigend und beseelte mich nicht. Es war, als müsste ich mich in aller Bescheidenheit vor der Vollkommenheit der Dinge verneigen. Mein Akt in diesem Kunststück war getan. Ich hatte damals lustvoll fotografiert. Das war’s. Es kam mir vor, als müsste ich diese Ich-bin-der-Schöpfer-Illusion verlassen, um eine Verbindung mit etwas Grösserem eingehen zu können.»Glücklich ob seiner Entdeckung schläft Liberato zufrieden ein.00 00 Als Liberato seinen träumerischen Blick zum Horizont richtet, merkt er, dass dieser sich auf und ab bewegt und sein Körper wiegende Bewegungen erfährt. «Ciao Liberato», hört er eine tiefe Stimme rumpeln, heiser, als hätte sie schon lange nicht mehr gesprochen. Liberato sieht sich um, sieht nichts als Meer, fühlt das Holz und erinnert sich an das schweigende Schiff.

«Tod, bis du es?»
«Ja.»
«Bin ich tot?»
«Nein.»

Liberato sieht sich um, sieht gerade noch sichtbar eine Insel und sich auf ihr schlafen.

«Wer ist das?» «Das war dein Ego. Es glaubte, diese Insel sei die Welt und es bestimme alles auf ihr. Jetzt, da du deinen Primär-Narzissmus überwunden hast bist du frei, deine Erfahrungen in die Gemeinschaft einzubringen, sie erwartet dich bereits. «Aber Tod, was heisst das. Wo fahren wir hin,was soll ich tun? «Was fragst du mich, Liberato, es ist dein Weg.»

Ruvoww

Und Liberato beginnt, über die Entstehung seiner Bilder nachzudenken.

Seiner Bilder? Nein. Unserer Bilder, eurer Bilder, der Bilder. Einfach der Bilder. «Wer sagt denn, dass nicht der Fluss denkt, er habe die Bilder gemacht und ich für ihn so abstrakt bin wie er für mich. Wieso gehe ich immer von mir aus, wieso denke ich, ich werfe die Boccia-Kugel und wieso ist es nicht so, dass die Boccia-Kugel schon immer genau dorthin gehört hat, ich aber nur ein Schritt, ein Mittel dazu und Vermittler dafür bin. Aber wenn ich nichts tue? Dann gehört die Kugel eben nicht dorthin, oder genau da, vor deine Füsse.»

Es ist etwas entstanden, eine Entwicklung hat stattgefunden, das ist Liberato klar. Die Bilder haben im Keller stillgestanden und der Bach hat Bewegung reingebracht. Er schoss mit voller Wucht in das Untergeschoss – vielleicht war das Untergeschoss der Schoss, die schöpferische Quelle, in der etwas Neues entstand? Der Fluss kam von seiner Quelle und brachte sein Leben in diese Quelle mit dem Element des Lebens. Diese Wucht, diese Energie, überbordend, neu ordnend.

Aus diesem Schoss, durch mühevolle Arbeit in einem langwierigen aus dem Schoss Schaffen erblicken die Dias Licht, geschützt unter der Veranda, befruchtet von Wasser und Schlamm. Hier, an der Nabelschnur der Natur, im Schoss der Zeit «wurde», resümiert Liberato später, «so scheint mir, ein Wunder geboren». Ein Wunder, das in drei Schritten entstand, Bewegung, Gebären, Sehen, oder Volvere, Vulva und schlussendlich Völva, der altnordische Begriff für Seherin. Diese Begriffe vereint Liberato und tauft die Bilder «Volva».

Die Dias zu entwickeln war in in ihrem Volva-Zustand nicht möglich. Also suchte Liberato einen neuen Weg und ging dafür an ihre Quelle zurück. An die Volva der Zeit. Von dort aus erlebt man die Heldenreise neu und kommt zurück als Anderer unter gleichen.«Ein wichtiger Schritt zum Erreichen dieses Ziels war mein fünfwöchiger Aufenthalt im für Künstler geschaffenen «Swatch Art Peace Hotel» in Shanghai. Dort konnte ich mithilfe von Versuchsreihen meine Erfahrungen mit der chemischen Umbildung der Diapositive vertiefen. Meine Versuchsreihen offenbarten viele verschiedene Einsichten. Ich widmete mich vor allem den Aspekten Wasser, Form und Wahrnehmung.» Über diese Forschungsarbeit entstand schliesslich die heutige Bildform Druck auf Plexiglas mit Hintergrundbeleuchtung.

Der passende Rahmen für Volva war gefunden, Volva geboren.

Rahmenvarianten für Volva – Holz, Acryl und Stahl. Alle Bilder mit Hintergrundbeleuchtung, dem Dia-Ursprung entsprechend.

Volva ist Libaratos Erkenntnisweg, dass wir, wenn wir die Insel Ego hinter uns lassen können, zusammen mit der Natur etwas Höheres, Grösseres schaffen können.

«Dieses Kommunizieren mit allen Dingen über das Element Flaschenpost ist nicht mehr befriedigend. Teil sein einer Schöpfung und nicht nur Betrachter mit dem üblichen ‘schön’ auf den Lippen. Die Insel ist wichtig und wir werden gerne immer wieder auf sie zurückkehren, doch wir wissen nun wie wir sie verlassen können. Gemeinsam auf allen Ebenen. Nicht nur in der Kunst, auch in der Technik, und dazu gehört auch die Medizin. Wie nach jeder Entdeckung oder jedem Entwicklungsschritt finden sich neue Fragen. Wie erfahren wir die Wertschätzung, wenn eine Sache nicht mehr nur von einer Person kommt? Wie bestimmen wir unser Handeln, wenn die Gesetzmässigkeiten ausserhalb dieser Insel nicht mehr klar erkennbar sind. Was führt uns? Woher kommt diese innere Stimme? Wer bin ich, wenn mein Wirken in der Welt nicht mehr klar definiert ist? Wie bringe ich diesen Ausdruck meines Selbst klar in eine Welt des Unbewussten, ohne sich darin zu verlieren? «Wenn du die Antworten findest», spricht das Schiff wiegend, «sehen wir uns wieder».


Mehr zu Volva und der Entstehung auf volva.ch.

Bilder: Liberato Maraia, Stephan Huwyler